40 oder 50 plus und eine (berufliche) Neuorientierung wagen
In der Mitte des Lebens machen sich viele Menschen Gedanken über den Sinn ihres bisherigen Daseins. Gedanken wie «War oder ist der gewählte Beruf (noch) der richtige für mich?» oder «War das alles?» sind dabei nicht selten. Wenn alles rund läuft, lassen sich solche Fragen auch gut verdrängen. Werden sie jedoch intensiver und melden sich immer öfter, gilt es hinzusehen. Damit verbunden stellt sich auch die Frage nach der Zukunft. Die zweite Lebenshälfte bewusst gestalten. Diesem Thema sollten sich Schweizer Arbeitnehmer:innen so früh wie möglich stellen und sie auch im höheren Alter nicht aufschieben. Eine Analyse mit wertvollen Impulsen.
Die Themen im Überblick:
Eine berufliche Neuorientierung frühzeitig planen und Weichen richtig stellen
1. Berufliche und private Veränderungen verlaufen meistens still und schleichend
Warum sollten wir uns um unsere berufliche Zukunft kümmern, wenn doch alles gut läuft?
Kennen Sie die sogenannte Truthahn-Illusion? Jeden Tag wird dieser zuverlässig gefüttert. Sein Stall ist warm und sicher. Die Welt des Truthahns ist berechenbar und sein Vertrauen in den Menschen und seine Fürsorge gross.
Und irgendwann kommt Weihnachten. Wo er als Braten mitfeiert …
Glücklicherweise sind wir keine Truthähne/hennen sondern Menschen. Wir stehen also auf der günstigen Seite. Und doch kann diese Metapher auch etwas mit uns zu tun haben. Der Alltag hat so etwas Schönes. Wir halten uns an ihm fest – auch wenn er uns manchmal nervt – und hoffen darauf, dass es immer so bleiben wird. Das kann sehr wohl so sein, muss es aber nicht, wie die letzten Jahre beweisen.
Zeit, sich einfach mal ein paar Gedanken zum aktuellen Beruf oder der privaten Situation zu machen.
Planung deckt auf und reduziert Überraschungen und Ängste
2. Planung reduziert Überraschungen und Ängste
Wir können nicht auf alles vorbereitet sein und Überraschungen gehören zum Leben dazu. Doch mit weiser Voraussicht sind wir besser vorbereitet, falls wir einmal schnell handeln müssen. Wenn wir im Vorfeld schon für gute Grundlagen sorgen, reduzieren sich auch Ängste wie «Was-alles-sein-könnte».
Bereit zur Sensibilisierung mit Mutmachern?
2.1 Zu einer vorausschauenden Planung gehören Punkte wie:
- Standortbestimmung – Wo stehe ich? Was habe ich bisher erreicht? Das ist meistens mehr als wir glauben.
- Welche Entwicklungen haben sich in meinem bisherigen Beruf vollzogen?
- Stimmen Aufgaben und Ziele noch mit meinen Werten überein?
- Haben sich neue Berufsfelder aufgetan, die mich auch noch interessieren würden?
- Welche kurz- und langfristigen Ziele habe ich beruflich wie privat?
- Welche Einflüsse können meine Ziele auf meine sozialen Beziehungen haben?
- etc.
2.2 Anfahrtsweg, Zeit, Analyse
Manchmal können wir nicht spontan sagen, was wir wollen. Dann braucht es eine andere Herangehensweise. Zum Beispiel, indem wir aufzählen, welche Aufgaben wir nicht mehr wollen. Diese Liste gibt uns wertvolle Hinweise, was unsere Werte und Ziele sein könnten.
Wichtig: Unser Denken muss sich warm laufen können. Es braucht Informationen sowie Zeit, um Impulse zu verarbeiten und seine Schlüsse zu ziehen.
Unser Gehirn braucht auch Pausen, in denen wir einfach da sein und die Gedanken schweifen lassen können (Mind Wandering). Das sind die Zeiten, wo unsere grauen Zellen sehr aktiv sind und neue Verknüpfungen bilden.
Zusammenhänge verstehen, Werte und Ziele erkennen – alles braucht seine Zeit. Und es kostet einen gewissen Initialaufwand. Doch ein gutes Fundament spart später Zeit. Weil wir uns besser fokussieren können und uns nicht auf Nebengleisen verlieren.
Eine berufliche Neuorientierung erfordert Zeit. Es geht um die nächsten Jahre.
Den Alltag anhalten und genauer hinsehen. Kompetenzen entdecken.
3. Schon mit 40 können wir auf eine enorme Berufserfahrung zurückgreifen
Wir Menschen neigen dazu, uns selbst und das, was wir erreicht haben, abzuwerten. Auch wenn es von aussen vielleicht ganz anders aussieht. Das muss nicht sein – und es ist vor allem nicht die Wahrheit!
Wer 40 Jahre alt ist, kann eine sehr umfangreiche Berufserfahrung aufweisen. Mag sein, dass das bisher Erbrachte sich nicht vollumfänglich für den nächsten Job eignet.
Doch es ist wertvolle Praxiserfahrung und darum eine unumstrittene Grundlage, auf die wir aufbauen können. Der Rückblick zeigt auf, wie wir uns in Herausforderungen verhalten haben.
Nur Mut. Gehen Sie gedanklich genau in die vergangenen Herausforderungen hinein. Können Sie Ihre Beweggründe nochmals hervorholen und einschätzen?
Welche Erfolge haben Ihnen besonders gutgetan und welche Misserfolge haben Sie besonders geschmerzt?
3.1 Die nachfolgenden Kompetenzen braucht es in jedem Job, mehr oder weniger
- Gutes Auffassungsvermögen
- Vernetztes Denken
- Neugier, Offenheit
- Strukturiertes und zuverlässiges Arbeiten
- Soziale Kompetenzen
- Teamfähigkeit
- Kommunikationsfähigkeit
- Qualitätsorientierung
- etc.
Wenn Sie sich in diesen Punkten nicht entdecken, schreiben Sie Ihre bekannten passenden Kompetenzen auf. Und denken Sie daran: Auch hinter negativen Empfindungen und Einschätzungen stecken positive Fähigkeiten.
Berufe mit Zukunft finden. Neuorientierung wagen.
4. Zukunftsorientierte Berufe finden
Was bedeutet zukunftsorientiert?
Berufe, die es auch in zehn Jahren noch gibt? Also alles, was mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat? Auch den lautesten Pressemeldungen dürfen wir mit einem gesunden kritischen Blick begegnen.
Aktuell stellt KI so einiges auf den Kopf. «Wie soll ich wissen, dass der gewählte Beruf auch in Zukunft noch existiert?» Ganz ehrlich: Das können wir aktuell eigentlich bei keinem Beruf genau sagen, da sich KI enorm weiterentwickelt und das in einem horrenden Tempo. Doch auch KI hat Grenzen, die gerne verschwiegen werden.
Erste Stimmen werden laut, die darauf hinweisen, dass die maximalen Möglichkeiten bereits erreicht sind und die Qualität nicht den Erwartungen entspricht. Zudem ist die Frage der Ressourcen noch gar nicht richtig geklärt (Stromversorgung für die beträchtliche Anzahl an Rechenzentren).
KI wird sich in unserer Berufswelt integrieren. Die Frage wird das Wo und das Wie-viel sein.
4.1 Folgen von überhöhtem Tempo und einschneidenden Veränderungen
Weil sich unsere Gesellschaft vor allem technologisch schnell weiterentwickelt, hat dies entsprechende Folgen. Da ist diese zunehmende, unerklärliche Müdigkeit. Konzentrationsschwierigkeiten, Vergessen. All das nagt am Selbstwert und nährt Selbstzweifel.
Viele Menschen fühlen sich mit dem Tempo und den Veränderungen überfordert. Burn-outs, Depressionen, Angststörungen etc. gehören bereits zum Arbeitsalltag.
Menschen lassen sich immer noch nicht zu Maschinen machen …
«Kinder sind nicht für die Schule gemacht, sondern die Schule für die Kinder. Wenn die Bedürfnisse der Kinder erfüllt sind, lernen und leisten sie automatisch und gerne.» Für dieses nicht von allen gern gesehene Credo hat sich der bekannte Kinderarzt Remo Largo leidenschaftlich eingesetzt. Und es sind nicht nur die Kinder. Diese Aussage lässt sich 1:1 auf unsere heutige Wirtschaftswelt übertragen.
Unser Körper wie auch unsere Psyche haben Grenzen. Das ist einfach so. Die Pharmaindustrie freuts. Doch soll immer mehr Medikamentenkonsum die Lösung sein? Für die ganzen Stresserkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Depressionen, Ängste, Verdauungs- und Schlafprobleme etc. Meiner Meinung braucht es auch Stimmen und Berufe, die sich für mehr menschliche Werte einsetzen.
4.2 Mein neuer Beruf: Unterstützung von Menschen
Professionelle und psychologische Unterstützung und Begleitung werden immer wichtiger. Unsere Lebenserwartung steigt, wir werden immer älter und gleichzeitig auch kränker.
In einer ungewissen Zukunft sind mehr Menschen begleitende Berufe gefragt. Sei dies in der Pflege, in einer beratenden Funktion oder im psychologischen Bereich. Unsicherheiten und Ängste können sich schnell potenzieren, wenn wir sie nicht angehen.
Lebenserfahrung und Berufe mit psychologischen Grundkenntnissen: das passt!
Endlich etwas mit Menschen machen. Zum Beispiel in einem Sozialen Beruf.
5. Tipp: Menschen unterstützen – sich beruflich nochmals neu orientieren
Der grosse Vorteil einer berufsbegleitenden Ausbildung ist – wie es der Name sagt – die Möglichkeit, sich nebenbei weiter zu bilden. Unter Umständen kann der bisherige Job reduziert und nebenberuflich eine Ausbildung absolviert werden – oder Sie bauen mit den wegfallenden Stellenprozenten etwas Eigenes auf, sofern es den bestehenden Job nicht konkurrenziert.
Wenn wir bei unserem Beispiel der Psychologie bleiben, wird dies vielleicht ein völlig neues Berufsbild sein.
Berufe mit psychologischen Grundkenntnissen: Sich und andere besser verstehen und motivieren können.
Psychologie (z. B. Individualpsychologie) hilft, sich und die eigene Situation besser einordnen zu können und ist ein Gewinn für sich selbst und für die Mitmenschen. Psychologisches Wissen kann positiv zum Wohle der Mitmenschen eingesetzt werden – gemischt mit der bisherigen Lebenserfahrung sind das lohnende Perspektiven für die zweite Lebenshälfte! Es muss nicht einmal professionell sein.
5.1 Möglich oder nicht?
Einen Job, einen Beruf zu finden, der uns vollumfänglich glücklich macht, ist eher schwer erreichbar. Doch je mehr wir uns auf unsere Perspektiven einlassen, desto besser können wir argumentieren und mitgestalten. Privat wie geschäftlich. Geschäftlich wie privat.
Deshalb lohnt sich die Auseinandersetzung mit all den Fragen zur Neuorientierung.
Ausbildung-Tipps.ch, 19.1.2026, Andreas Räber
Autor
Andreas Räber ist Enneagramm-Coach/Trainer, GPI®-Coach und fundierter Querdenker. Er ist Autor von zahlreichen Blogs, Fachartikel und Kurzgeschichten. Er ist Inhaber der Webplattformen ausbildung-tipps.ch, berufliche-neuorientierung.ch und coaching-persönlichkeitsentwicklung.ch. Er begleitet seit über 15 Jahren Menschen zu Themen wie berufliche Neuorientierung, Standortbestimmung, berufliche Selbstständigkeit wagen, Persönlichkeitsentwicklung etc. Mehr über Andreas Räber erfahren



















